review: »target: autonopop« im trottoir
04.04.2007 | 02:37 Uhr | Alter: 10 Jahre

Von: Cornelia Sollfrank

1. review: »target: autonopop« im trottoir, 17.1.2007

zum dritten mal hatte die gruppe »target: autonopop« am vergangenen
freitag zu einem "open mic" ins trottoir eingeladen.

das grundprinzip des formats "open mic" ist – wie der name schon sagt –
dass das mikrofon jedem zugänglich ist. das format stammt aus dem
literaturbetrieb, wo autorInnen – mit wenig anderen vorgaben als einer
10minütigen zeitvorgabe – die gelegenheit geboten wird, ihre
literarischen werke zum besten zu geben. »target: autonopop« hat das
format in den bereich der bildenden kunst übertragen, nicht um
künstlerInnen die möglichkeiten zu geben, ihre werke zu zeigen oder
vorzuführen, sondern um über DAS öffentlich sprechen zu können, was am
drängensten und wichtisten ist für künstlerInnen: den kunstbetrieb, die
produktionsbedingungen im betrieb, wichtige entwicklungen in der stadt,
das worum es geht oder gehen sollte beim "kunst machen", und und und.

öffentlich unzensiert sprechen zu können, das ist gewöhnungsbedürftig,
nicht nur im kunstbetrieb, aber auch da. ja, hat man sich vielfach doch
bereits mit der position des konsumenten, der zuschauerin, abgefunden
bei den zahlreichen "diskussionveranstaltungen". in hierarchischen
settings, in konfrontativer anordnung, meistens mit einem mikrofon, das
der hauptredner ungern aus der hand gibt, der dann auch soviel und so
lange redet, dass kaum zeit bleibt für die angekündigte "diskussion",
und wenn, dann zu dem vorgegeben thema – in das man gerade nicht so
eingearbeitet ist und sich mit einem unüberlegten beitrag bestenfalls
blamieren kann...

wo also ist der platz, an dem man merkt, wie schwer es ist, die eigene
meinung gut zu begründen, oder wo man feststellen kann, dass die eigene
meinung noch nicht so gefestigt ist, weil man viele argumente noch gar
nicht erwogen hatte,  wo man also laut nachdenken kann, gemeinsam mit
anderen, fragen stellen kann, themen auf den tisch bzw. an die wand
bringen kann, wo man experimentieren kann mit dem öffentlichen
sprechen, wo man lernt, sich auszutauschen und sich auszudrücken, wo
man herausfinden kann, dass die eigenen schwierigkeiten nicht "privat"
sind, sondern "politisch" und dass es gemeinsamkeiten gibt und
womöglich sogar gemeinsames handeln beginnt?

der ideale platz für all das und vielmehr ist ein "open mic". das "open
mic" ist nicht eine feste gruppe oder ein bestimmtes thema, sondern nur
ein FORMAT, in dem sehr viel – fast alles – möglich ist. die drei
veranstalter des "open mic" vom vergangenen freitag, michel chevalier,
rahel puffert und tobias still fungieren dabei als impulsgeber und
moderatorInnen. auf einer langen liste an der wand hängen stichpunkte,
die man als anlass für eine diskussion nehmen kann. das prinzip dabei
ist, sehr verschiedene ebenen zu mischen und sprünge von "Blockierten
Erfahrungen" über "Die AG Bildende Kunst" bis hin zu "Formalismus:
moderner Quietismus, heute" zu vollführen.

durch die gesamte veranstaltung zog sich erstaunlicherweise das
interesse an der AG bildende kunst, die zwar als thema auf der liste
stand, aber als eines von fast 40 weiteren. wahrscheinlich kann man das
interesse dadurch erklären, dass die AG eine art schnittpunkt ist
zwischen offizieller kulturpolitik und der vertretung von interessen
der bildenden kunst – die gleich sein sollten den künstlerinteressen –
und zumindest lokal einigen einfluss hat auf die produktionsbedinungen
von künstlerInnen.
sie eignete sich bestens als anlass, grundsätzlich darüber zu streiten,
ob eine einmischung in politik und kulturpolitik vonseiten der
künstlerInnen wünschenswert und sinnvoll ist oder ob nicht durch das
sich-einbringen in die verhältnisse die "wahre" künstlerische haltung
automatisch verloren ginge. diese beiden perspektiven standen relativ
unvereinbar nebeneinander, wobei die durchwegs von jungen, männlichen
künstlern  heftig vertretene haltung "hinsehen und weitergehen" – also
nicht politisch aktiv werden – etwas mantra-artig und mehr angelernt
als reflektiert wirkte und meist bei zwei, drei nachfragen nicht mehr
zu tage brachte als heillose widersprüche. denn es bekümmerte durchwegs
alle, dass die ksk gerade dabei ist 10% ihrer mitglieder rauszuwerfen,
und zwar ausgerechnet diese, die die ksk am meisten benötigen, die die
"nur" kunst machen und damit einfach nicht genug verdienen. der
dahinter stehende umbau der ksk weg von den bedürfnissen der
künstlerInnen hin zu einer kasse der prekären creative industries
scheint niemanden weiter zu interessieren. künstlerInnen mit weniger
als 5000 euro netteinkommen im jahr fliegen raus (unabhängig vom
umsatz). niemand vertritt ihre interessen lautstark. auch hier nur
hinsehen und weitergehen? der bezug zur AG bildende kunst hier ist die
simple frage: warum tun die oder der BBK nichts? warum organisieren sie
keinen protest? warum hat oder nimmt sie keinen einfluss auf die
wirklich wichtigen dinge?

während einerseits die intransparenz der AG angeprangert wurde, ihre in
30 jahren gewachsene verkrustung, die gegen jegliche reformen resistent
ist, ihre einseitigkeit (überalterung), ihr mangelndes engagement und
ihre handlungsunfähigkeit, beklagte man ihr beharren auf der wenigen
verbliebenen macht, jurys zu besetzen. zwar wurde einem mehrmals
vorgetragenen vorschlag, die AG abzuschaffen und eine ganz neue art der
interessenvertretung im bereich der bildenden kunst  in und für hamburg
zu konzipieren, nicht nachgekommen, doch blieb ihre obsoletheit
unbestritten sowie ihr anspruch "die" bildende kusnt zu vertreten
fragwürdig. gleichzeitig stelle sie nur EIN problem dar unter den
vielen problemen der bildenden kunst und der künstlerInnen in dieser
stadt.

man versuchte auch die diskussion über den artist pension trust
zusammenzufassen, was nicht wirklich gelang. über die korruptheit des
kunstbetriebes kann sich niemand mehr ernstlich aufregen, die kunst vor
der warenförmigkeit und dem regime der marketing-experten zu retten,
sie den klauen der "bourgoisie" entreissen, mag ehrenhaft sein, doch
bei einer genaueren bestimmung des eigenen standorts und der
alternativen vorstellungen und visionen spätestens beginnen die
schwierigkeiten. so kam der vorschlag, den apt als beispiel dafür zu
sehen, dass der betrieb nicht nur korrupt ist, sondern es inzwischen
als so selbstverständlich empfunden wird, dass man es ganz offen
zelebriert. wer sollte warum und was dagegen unternehmen? gibt es eine
alternative zum (ersten, zweiten, dritten) kunstmarkt? erstaunt stellte
man fest, dass allem abgeklärten zynismus zum trotz ein kritischer text
michael lingners, veröffentlicht zuerst in "texte zur kunst" immerhin
soviel wirbel ausslöste, dass ein in hamburg agierender apt-kurator
dazu gezwungen war, aus diesem amt zurückzutreten...

egal, welches thema aufgegriffen wurde, eigentlich endete jedes mehr
oder weniger bei der frage, worin die künstlerInnen ihre aufgabe sehen,
ob ihre arbeit eine gesellschaftliche funktion habe, wie man diese
beschreiben könne und nicht zuletzt, wer dafür bezahlen solle. gerade
bei jungen künstlerInnen zeigte sich jedoch ein erschreckender
zynismus. sie wissen (oder meinen), dass sie verloren haben ohne
"yilmaz-conncetion" und versuchen sich gleichzeitig krampfhaft zu
klammern an das "andere" der kunst, den moment der freiheit, den sie
beim "kunst machen" verspüren. "hinsehen und weitergehen", "nicht
nachdenken, sondern kunst machen" – tja, wie machen, unter welchen
bedingungen, und für wen, wenn die schnittstellen zur öffentlichkeit
fehlen?

dabei hängen einige unverbesserliche immer noch der idee einer
staatlichen kunstförderung nach. einerseits hoffen sie damit (wie hans
haacke), auf der moralisch einwandfreien seite bleiben zu können, sich
also nicht an sponsoren, mäzene und sammler und deren oft zweifelhafte
interessen verkaufen zu müssen, wobei gleichzeitig von der staatlichen
förderung oft und vielleicht absurderweise auch genau die unterstützung
der nicht marktgängigen, schwierigen und kritischen kunst verlangt
wird.
neben einer sehr naiven vorstellung von "staat"  und öffentlicher hand
als integeren und selbstlosen geldgeber, die dahinter steht, entpuppt
sich aber genau dieser staat und seine kulturpolitik gerade als
gänzlich neoliberaisiert, d.h. er fördert entweder das, was erfolg im
markt verspricht oder das, was seine (z.b. stadtentwicklungs-)politik
freundlich illustriert (bsp. hafencity).
was dann? also doch kulturpolitisches engagement?
oder weiter allein und an allen fronten kämpfen bzw. schleimen?

als abschluss einige zitate aus der  diskussion, die nicht nur ernst
und hoffnungslos, sondern auch teilweise sehr lustig war:

-- definition von kunsthochschules: "die ist für die professoren da. damit die künstler, die gute ideen haben, es aber auf dem markt nicht
geschafft haben (professoren) auch ein einkommen haben".
-- "künstler sollen nicht an ihrer verwaltung teilhaben, weil sie können sich nicht selbst verwalten. künstler können gar nichts
verwalten."
-- der hamburger kunstbetrieb sei ein "streichelzoo", mit exemplarischen vertretern ihrer spezies: kunstvereinsdirektor, sammler,
kritikern, künstlern. -- "künstler erfinden ein einkommen, das sie
nicht haben (und zahlen sogar steuern dafür), um in der ksk bleiben
können."

und vieles, vieles mehr. der abend endete gegen 1 uhr morgens!

themen und ebenen so und innerhalb dieses formats zu mischen sieht auf
den ersten blick aus wie beliebiger nonsense, schafft aber eine
erstaunliche situation: am freitag produzierte es für eine begrenzte
zeit, eine gemeinsame, komplexe realität, zu der alle beitragen und die
alle teilen konnten, die es wollten. dies gelingt nicht automatisch in
offen angelegten situationen, sondern bedarf einer erfahrenen
moderation und einer genauen kenntnis der formgebung solcher
situationen.

www.targetautonopop.org

Kommentare [0]
© 2017 THE THING Hamburg is member of international Thing Network: [Wien] [Frankfurt] [New York] [Berlin] [Rome] [Amsterdam]
I peruse this paragraph entirely regarding the resemblance of highest recent and before technologies, Cheap Nike Free Shoes I liked that a lot. Will there be a chapter two? cheap supras I pay a rapid visit day-to-day a few sites and information sites to peruse articles alternatively reviews, Babyliss Pro Perfect Curl reserve up posting such articles. Hollister Pas Cher accordingly right immediately I am likewise going apt add entire my movies at YouTube web site. Hollister France Hi, Chanel Espadrilles Yes I am also within hunt of Flash tutorials, babyliss pro perfect curl Wow! this cartoon type YouTube video I have viewed when I was amid basic level and at the present I am surrounded campus and seeing that over again at this district. www.hollisterparissoldes.fr The techniques mentioned surrounded this story in the near future addition vehicle by you own network site are genuinely fine thanks for such pleasant treatise. Cheap Louis Vuitton Handbagsif information are defined in sketches one can effortlessly be versed with these.