Ein kurzes Gespräch und die vergangenen Folgen
12.11.2007 | 00:18 Uhr | Alter: 10 Jahre


Manchmal sind einem Leute vom ersten Augenblick an sympathisch. Vielleicht liegt es an seinem Alter - rund zehn Jahre jünger als ich - und dem damit verbundenen Gefühl mich in ihm wiederzuerkennen, wie ich damals war, oder zumindest solches zu wünschen, das Ganze verbunden mit dem angenehmen Schauer leichter Nostalgie. Es ist ein Straßenkünstler, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin.


Ich gebe ihm noch einen Euro, und wir verblieben namentlich bekannt, in der Erwartung, sich zukünftig öfters zu begegnen, denn ich wohne in der Nähe seiner neu auserkorenen Wirkungsstätte, das heißt dieser Fußgängerzone.


Meinen Spaziergang fortsetzend, sinniere ich über unsere Begegnung, seine Performance, seine Haltung zu Kunst und Kommerz und meine Haltung zu seiner Haltung. Spontan habe ich den Wunsch, ihn an die HfbK einzuladen und zu ermuntern, dort zu studieren. Irgendwie denke ich, der Typ passt da rein, könnte von den anderen ganz anderen Leuten dort was lernen und umgekehrt. Gegensätze sind ja spannende Verhältnisse. Doch, so spontan mir dieser Gedanke gekommen war, fällt mir auch schon ein, dass ab 2008 der Bachelor-Studiengang starten soll, und dies wäre sein theoretischer Einstiegstermin.


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Draußen ballert irgend ein Feuerwerk. Zärter der Regen gegen die Scheibe. Überlegungen und Affekte, die unmittelbar aufeinander folgen, sind im Rückblick nur schwer in der richtigen Reihenfolge zu halten, aber mir war ziemlich schnell klar, dass der sympathische Kollege von der Straße nicht in das geplante Bachelor-System passen würde: So klar es war, dass er sehr gut in jenes Studium gepasst hätte, welches ich erleben durfte, so klar war auch, dass ich ihm einen Bachelor-Studiengang nicht empfehlen würde. Denn man sollte die Leute, die man trifft, und seien es auch nur flüchtige Bekanntschaften, ernst nehmen.


Der Mann hätte es gut brauchen können, den informellen Austausch an der ehemaligen HfbK zu nutzen. Aber was sollte er mit einem Studienplan, in welchem Punkte, Module und angeleitete kreative Aufgaben die ordentlich eingeschriebenen Studenten in ein System zwängen?


Noch unrealistischer erschien mir die Vorstellung, dieser Mensch würde ein so genanntes Studiendarlehen aufnehmen. Jemand, der sich täglich die nötigsten Münzen mit seiner Kunst auf der Straße verdient, wird vielleicht auch nicht gerade um eine Befreiung bitten, welche voraussetzte, dass er seine Lebensbedingungen offen legte.


Schade für ihn und das stellvertretend für all diejenigen, die der sozialen Selektion, die nun auch an der HfbK schamlos offen praktiziert wird, zum Opfer fallen.


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Seit zwei Semestern verlässt eine große Zahl von Studierenden überstürzt die HfbK. Das Vakuum, welches durch die Flucht entstanden ist, ist in den Klassen deutlich spürbar. Zum nächsten Semester werden es wieder überdurchschnittlich viele sein, die das Weite suchen. Kaum einer von ihnen wird seine Hochschule noch empfehlen können.


Eine Hochschule, deren Präsident Anzeige erstattet, weil es malerischen Protest gibt, und diese erst auf massives Drängen der Professoren hin wieder zurückzieht, eine Hochschule, deren eigentümliche Qualitäten in Forschung und Lehre systematisch ausradiert werden sollen, eine Hochschule, die sich im unsinnigsten Maße an den für sich schon missgeleiteten Bologna-Vorgaben orientiert, eine solche Hochschule ist schließlich auch kaum empfehlenswert.


Im Jargon der Unternehmensberater passiert jedoch Großes: Nach einer Phase der Konsolidierung wurde das Kerngeschäft gestärkt und den Defiziten in der Öffentlichkeitsarbeit gezielt gegengesteuert. Mit der Berufung weithin sichtbarer Künstlerpersönlichkeiten konnte das Profil wesentlich geschärft werden. Die HFBK entwickelt sich zu einer flexiblen, serviceorientierten und konkurrenzfähigen Bildungseinrichtung.


Irgendwie auch eine geile Sprache. Man kann die leitenden Damen und Herren dieser Schule schon verstehen: Ist unheimlich sexy - und: Man kann sich an der Hotelbar sofort mit den anderen krawattierten Gästen unterhalten! Ade, strickpulliger Pädagogenmief! Ready for a creative future! Vorne dabei sein, auf dem Podium der Checker und Macher.


Wenn es nur nicht so peinlich wäre, dieses Aufplustern und Bescheidwissen. Manchmal denke ich: Ach nee, die armen Professoren, die jetzt bleiben, und von denen manche ja auch richtig gut sind. Und dann denke ich auch an Gespräche, die ich in letzter Zeit mit Lehrenden hatte, und die ein leicht glücklich-irres Sich-Einfinden offenbarten:


"Nun, die ersten Jahre werden wohl etwas mehr Arbeit sein, da muss ich meine Materialien für den Unterricht strukturieren und ordnen. Dann, nach einigen Semestern, wenn das Programm steht, ist es auch nicht mehr so viel: Das ist dann wie im Schuldienst, wenn erst mal alles gut vorbereitet ist, geht man nur noch hin, und zieht sein Programm ab."


Kafka ist ein guter Autor. Die HfbK war eine gute Hochschule. Ich denke an meine heutige Begegnung zurück, und überlege, was ich denn nun empfehlen könnte, dem jungen Mann, der vielleicht so einer ist, wie ich, damals vor zehn Jahren, und mir fällt nichts mehr ein. Ich finde es traurig, in einer Gesellschaft zu leben, die ausgerechnet den Lebensraum, den ich als wertvoll erachte, die universitas, abschafft und durch kommerzielle Bildungszentren ersetzt.


"In diesen Jahren spielt sich ein Drama ab, dessen Tragweite in der Öffentlichkeit kaum begriffen wird. Es handelt sich um den Untergang der deutschen Universität". (G. Seibt, SZ vom 21.06.07) Es ist das "Ende einer Lebensform". "Akademischer Kapitalismus" titelt R. Münch in Die Zeit. Die Spatzen pfeifen's von den Dächern, aber die Damen und Herren Hochschulräte haben den Nacken steif und marschieren entschlossen weiter. (Es wird gemunkelt, demnächst sogar im Gleichschritt!)


Nachdem demokratische Regulative an der HfbK abgeschafft wurden, darf man sich nicht wundern, dass die Polizei ihren Auftritt hat. Die Wiederherstellung von "zivilen Verhältnissen an der Schule", wie sie von den Professoren gefordert wurde, ist mit dem zähneknirschenden Zurückziehen der Strafanzeige noch lange nicht abgeschlossen. Wird ziviles Leben weiterhin aktiv verhindert, kann dies als Hinweis gelten, dass die dies begünstigenden Gesetze nicht im Sinne des Grundgesetzes sind. Widerstand ist in einem solchen Falle Pflicht.


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Falls die HfbK noch eine Chance hat, lebendig zu bleiben, dann vielleicht, in dem sie es schafft, als erste Hochschule in Deutschland mit einem wiederholten Studiengebührenboykott die Abschaffung der Gebühren erzwungen zu haben. Dann... ja dann besteht vielleicht noch Hoffnung. Dann gibt es vielleicht sogar Raum und Geist für Weiteres. Man wird sehen.


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Der Studiengebührenboykott ist eine Gewissensfrage.


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